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Rüstung und
Krieg – Kapitalismus und Globalisierung
Drei
apokalyptischen Reiter
Von Winfried WolfTreffen von
EU-Verteidigungsministern wie dasjenige vom 5. März 2006 in Innsbruck – oder kurz zuvor, Anfang
Februar, das Stelldichein von Vertretern des militärisch-industriellen
Komplexes bei der Münchner Sicherheitskonferenz – sind Treffen von
Schreibtischtätern, von Leuten, die das Zerstören, das Sengen und Brennen, das
Foltern, Quälen, Töten und Morden als Handwerk diskutieren und oft auch
praktizieren. Bob Dylan hat in seiner frühen, guten und politischen Zeit diese
Leute als “the masters of war” besungen. Der Protest
gegen solche Treffen ist ein moralischer, weil es ein Grundelement im
menschlichen Sein gibt: die Liebe zum Leben und der Respekt vor dem Leben. Die „masters
of war” zerstören Leben und gehen im Wortsinne über Leichen. Wir nennen
diejenigen unmoralisch, die, wie George W. Bush, Gott im Munde führen und mit
ihrem verlängerten Arm Städte im Irak – wie Falludscha – in Schutt
und Asche legen und Folter in Abu Ghraib, Guantánamo und in CIA-Gefängnissen in
Osteuropa praktizieren lassen. Als dem US-Kriegsminister Donald Rumsfeld ein
Dokument in die Hände kam, in dem als Folterpraxis beschrieben wurde, wie entkräftete
Gefangene in Abu Ghraib zehn Stunden lang gezwungen werden, aufrecht zu stehe,
notierte er an den Rand: “Na und? Ich stehe zwölf Stunden am Tag”. Wir nennen
diejenigen unmoralisch, die sich, wie die EU-Verteidigungspolitiker, positiv
auf christliche und auf demokratische Prinzipien und auf die “Werte des
Abendlandes” beziehen und gemeinsam mit der US-Regierung dabei sind, einen nächsten
Krieg um Öl, den gegen den Iran, vorzubereiten. Der britische
Dramatiker Harold Pinter hat in seiner Stockholmer Rede anlässlich der
Verleihung des Literatur-Nobelpreises die Verlogenheit und Unmoral der “masters
of war” an ihrem Umgang mit Leben und ihrer Ignoranz für Leben wie folgt
dokumentiert: “Ganz zu Beginn der Invasion (in den Irak 2003) veröffentlichten
die britischen Zeitungen auf der Titelseite ein Foto von Tony Blair, der einen
kleinen irakischen Jungen auf die Wange küsst. ´Ein dankbares Kind´, lautete
die Überschrift. Einige Tage später gab es auf einer Innenseite einen Bericht
und ein Foto von einem anderen irakischen, vierjährigen Jungen, ohne Arme. Eine
Rakete hatte seine Familie in die Luft gesprengt. Er war der einzige Überlebende.
´Wann bekomme ich meine Arme wieder?´, fragte er. Der Bericht wurde nicht
weiter verfolgt. Nun, diesen Jungen hielt auch nicht Tony Blair in den Armen,
weder ihn noch sonst ein anderes verstümmeltes Kind oder irgendeine blutige
Leiche. Blut ist schmutzig. Es verschmutzt einem Hemd und Krawatte, wenn man
eine aufrichtige Ansprache im Fernsehen hält.
Moral ist
berechtigterweise eine wesentliche Triebkraft beim Widerstand gegen Rüstung und
Kriege und im Engagement für den Frieden. Doch es ist nicht das Unmoralische,
das die Unmoral schafft. Nicht das Böse gebiert das Böse. Und schon gar nicht
ist es “der Mensch”, der aufgrund seiner angeblich aggressiven Natur zum
Kriegerischen neigt und Rüstung, Zerstörung und Kriege hervorbringt. Es sind vielmehr
sehr spezifische Faktoren, die aus einem Sponti-Linken Joschka Fischer den
deutschen Außenminister machten, der 1999 perfide argumentierte “wegen
Auschwitz” müsse man einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Bundesrepublik
Jugoslawien führen. Es sind sehr spezifische Faktoren, die aus der
Pastorentochter Angela Merkel – die übrigens auch Mitglied der
DDR-Akademie der Wissenschaften war – eine Politikerin machten, die
– ich zitiere – “mit freundlichen Worten und Marschflugkörpern ...
den Werten der Nation dienen” will. Und es sind sehr spezifische Faktoren, die
aus dem österreichischen grünen Linken Johannes Voggenhuber einen
Europaparlamentarier machten, der mit krimineller Energie für eine
Verfassungsentwurf der EU eintritt, der eine Verpflichtung zur ständigen Aufrüstung
festschreibt. Diese Triebkräfte
sind Teil der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Es sind
drei apokalyptische Reiter, die der inneren Dynamik des Kapital entspringen und
die logisch in Rüstung, Krieg und Vernichtung münden. Diese drei
apokalyptischen Reiter werden sich
inmitten der EU-Verteidigungsminister, der „masters of war”, befinden, wenn
sich diese im Innsbrucker Kongresszentrum versammeln – übrigens handelt
es sich hier, wie der österreichische Verteidigungsminister Günther Platter
bezeichnenderweise betont, um “ein informelles Treffen”, das “der Vorbereitung
des formellen Verteidigungsgipfels am 15. Mai in Brüssel” dient.(2) Apokalyptischer
Reiter Nr.1: Die Rüstungsindustrie
Zu nennen ist als
erster apokalpytischer Reiter die Rüstungsindustrie selbst – und weiter
gefasst: der militärisch-industrielle Komplex. Das spezifische Gewicht der Rüstungskonzerne
in der gesamten Ökonomie – sei es der weltweiten oder sei es der europäischen
– hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht. Den Ausgangspunkt
bildet dabei die unglaubliche Steigerung, die es hier vor allem in den USA gab.
Die Rüstungsausgaben lagen hier 1998 bei 280 Milliarden US-Dollar. Sie
erreichen 2006 425 Milliarden US-Dollar. Dabei sind die reinen Ausgaben für den
Krieg im Irak noch nicht enthalten. Doch auch die Rüstungsausgaben in Europa
steigen deutlich an. Dasselbe gilt für Japan. Soeben wird aus China berichtet,
dass die Rüstungsausgaben 2006 überproportional – um rund 15 Prozent
– ansteigen. Nun ist es
nichts Neues, dass man mit Waffen Geld machen und dass man an Kriegen verdienen
kann. Interessant ist, weshalb man heute weit mehr und weit besser als in den
meisten früheren Zeiten in diesem Sektor gewinnbringend Kapital anlegen kann. Diese Logik geht
so: Wenn man weltweit die Löhne senkt, die Arbeit verdichtet, die Arbeitszeiten
verlängert, das Renteneintrittsalter anhebt, also die Lebensarbeitszeit verlängert,
wenn man auf diese Weise gewaltige Arbeitslosenheere schafft, dann erhöht man
zwar die Gewinnmargen in der eigentlichen Produktion. Doch am Ende mangelt es
auch an Nachfrage. Der Binnenmarkt schrumpft. Die kaufkräftige Massennachfrage
stagniert oder ist gar rückläufig. In einer solchen
Phase der kapitalistischen Produktion, die verkürzt als „Neoliberalismus”
bezeichnet wird, befinden wir uns.(3) In dieser Situation steigen die Ausgaben
der Staaten für Rüstungsgüter. Sie werden teilweise kreditfinanziert – so
vor allem in den USA. Sie werden weltweit aber auch durch ein kontinuierliches
Absenken der Sozialausgaben finanziert. Zugespitzt lässt sich sagen:
Armutsgesetze wie Hartz IV und der Eurofighter bedingen sich; die Erhöhung des
Renteneintrittsalters auf 67 und die Anschaffung des Militärtransporters A400M
bilden eine logische Einheit. Wer für die Anschaffung ganzer Flotten von neuen
Militär-Transporthubschrauber vom Typ NH 90 und von Kampfhubschraubern vom Typ
Tiger plädiert, handelt vernünftig, wenn er dafür eintritt, dass die
Krankenkassen ab einem bestimmen Alter die Finanzierung künstlicher Hüftgelenke
nicht mehr übernehmen. In den Worten des CDU-Jungpolitikers Mißfelder: „Früher
gingen die Leute ja auch am Stock.” Mangelnde
Massennachfrage und steigende staatliche Rüstungsausgaben - die natürlich selbst wiederum Resultat
von Lobbyarbeit sind – weisen einem Teil des Kapitals den Ausweg, sich
verstärkt im Rüstungssektor zu
engagieren. Die hier vorfindbaren Anlagebedingungen und Profiterwartungen sind
vorzüglich. Es war Rosa Luxemburg, die im Vorfeld des Ersten Weltkriegs, also
in einer anderen Auf- und Hochrüstungsphase des Kapitalismus, diese
exzeptionellen Bedingungen im Rüstungsbereich beschrieb und diese in Abgrenzung
zum “gewöhnlichen Kapitalismus” und zur “zivilen Produktion” wie folgt
charakterisierte: Im Rüstungssektor tritt “an Stelle einer großen Anzahl
kleiner, zersplitteter und zeitlich auseinanderfallender Warennachfragen ...
eine zur großen, einheitlichen kompakten Potenz zusammengefasste Nachfrage des
Staates. ... In Gestalt der militaristischen Aufträge des Staates wird die zu
einer gewaltigen Größe konzentrierte Kaufkraft... der Willkür, den subjektiven
Schwankungen der persönlichen Konsumtion entrückt und mit einer fast
automatischen Regelmäßigkeit, mit einem rhythmischen Wachstum begabt. Endlich
befindet sich der Hebel dieser ... Kapitalakkumulation in der Hand des Kapitals
selbst – durch den Apparat der parlamentarischen Gesetzgebung und des zur
Herstellung der öffentlichen Meinung bestimmten Zeitungswesen.”(4) Hier gibt es
auch den großen gemeinsamen Nenner aller Rüstungsindustriellen und aller militärisch-industrieller
Komplexe. Den „masters of war” ist bewußt, dass die Kapitalanlage im Rüstungsbereich
eine exquisite, besonders lukrative ist. Selbst Kriege hindern sie nicht daran,
gemeinsam und über alle Gräben und Gräber hinweg diese Vorteile zu genießen: So
kooperierten die Waffenproduzenten Krupp in Deutschland und Vickers in England
während des Ersten Weltkriegs. Im Zweiten Weltkrieg produzierten Ford in Köln
und Berlin und General Motors (Opel) in Rüsselsheim für die NS-Armee und
unterzeichneten – ohne Zwang – ihre Geschäftsschreiben mit „Heil
Hitler”, wobei die gleichen US-Mutterkonzerne natürlich auch für die US-Armee
als Lieferanten von Kriegsmaterial aktiv waren. Umgekehrt arbeitete der größte
deutsche Konzern, die IG Farben, bis 1943 eng mit dem größten US-Unternehmen,
mit der Standard Oil zusammen. In diesem
Zusammenhang ist die jährlicher Münchner Sicherheitskonferenz interessant. Ihr
Organisator, der frühere Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl, zuvor
BMW-Topmanager und heute Europa-Vertreter des größten Rüstungsproduzenten der
Welt, Boeing, Horst Teltschik, betonte jüngst in einem Interview mit Alexander
Krahe für das Inforadio Berlin-Brandenburg (rbb) den internationalen Charakter
dieser Branche: “Die Sicherheitskonferenz war ja ursprünglich eine
Nato-Konferenz. Ich habe sie globalisiert. Ich habe heute praktisch alle
wichtigen Spieler der Weltbühne hier in München versammelt.” Teltschik meint
die “Spieler” im “Casino des Todes”.
Apokalyptischer
Reiter Nr. 2: Exportwirtschaft
Da ist als
zweiter apokalyptischer Reiter die Expansion der Exporte und der Drang auf die
Weltmärkte zu nennen. Diese – für
manche überraschende – Kriegslogik geht so: Weil die Nachfrage im Inneren
begrenzt ist und weil sie immer mehr durch die beschriebene neoliberale
Wirtschaftspolitik begrenzt wird, suchen die Konzerne nach Absatzauswegen. Sie
finden sie im Ausland. Sie steigern ihre Exporte. Nun ist die Welt aber keine
Scheibe, bei der irgendwo das Exportierte in ein Nichts oder ein Bermuda
Dreieck fällt, sondern eine Kugel, bei der jeder Exporteur immer mal wieder im
Ausland auf seinen Konkurrenten im Inland stößt. Im Klartext: Die überall kopierte
Wirtschaftspolitik im Inneren und die überall verabreichte Rezeptur des größeren
Engagements im Export führt zu einer enorm verschärften internationalen
Konkurrenz. Jeder macht jedem den Exportmarkt streitig und jeder macht bei sich
daheim den Binnenmarkt kaputt. Und jeder entdeckt denselben anscheinend
unbegrenzten “neuen Markt” – seit einigen Jahren beispielsweise China. Das ist eine
fatale und in solchen Zeiten wiederkehrende Rezeptur, die Kurt Tucholsky auf
dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, 1931, in die folgenden Zeilen fasste(5): Unser Geld ist in allen Welten: Kapital und Zinsen und Zubehör. So lassen wir denn unser großes Malheur Nur einen, nur einen entgelten: Den, der sich nicht mehr wehren kann. Den Angestellten, den Arbeitsmann. ... Unsere Inserate sind nur noch ein Hohn. Was braucht denn schon die deutsche Nation Sich Hemden und Stiefel zu kaufen? Soll sie doch barfuß laufen! Wir haben im Schädel nur ein Wort: Export! Export! Was braucht ihr eigenen Hausstand? Unsre Kunden wohnen im Ausland! Für euch gibt’s keine Waren. Für euch heißts: sparen! sparen! Nicht wahr, ein richtiger Kapitalist Hat verdient, als es gut gegangen ist. Er hat einen guten Magen. Wir mußten das Risiko tragen. Wir geben das Risiko traurig und schlapp Inzwischen in der Garderobe ab. Was macht man mit Arbeitermassen? Entlassen! Entlassen! Entlassen! Wir haben die Lösung gefunden: Krieg den eigenen Kunden! Dieweil der deutsche Kapitalist Gemüt hat und Exportkaufmann ist. Wußten Sie das nicht schon früher -? Gott segne die Wirtschaftsverführer! Eine
Exportorientierung in einem derart verschärften internationalen Konkurrenzkampf
kann auf Dauer nur dann glaubhaft durchgeführt werden, wenn sie militärisch
untersetzt und abgesichert wird.
Es ist kein Zufall, dass die jeweils führende Wirtschaftsmacht auf dem
Weltmarkt immer zugleich die größte Militärmacht und vor allem die stärkste
Militärmacht zur See, zur „Begleitung” des Welthandels, war: Das war Spanien
bis ins 17. Jahrhundert, dann Großbritannien bis nach dem Ersten Weltkrieg.
Seit dem Zweiten Weltkrieg und bis heute sind dies die USA. Ebenso waren
Exportoffensiven von Wirtschaftsmächten, die noch auf Rang zwei, drei oder vier
verharrten, früher oder später mit dem Umbau früherer Verteidigungsstreitkräfte
in Streitkräfte für Auslandseinsätze und „Interventionen“ begleitet. Es gab
bisher auch die Variante, dass im Vorfeld einer Exportoffensive die
Militarisierung und ein Angriffskrieg standen, die die „friedliche”
Exportoffensive erst für die Zeit nach dem Sieg vorsahen – letzteres war
das Modell für den “zu spät gekommenen” deutschen Kapitalismus im Ersten und im
Zweiten Weltkrieg. Am Hindukusch
und auf dem Balkan wird also von deutschen respektiven österreichischen
Soldaten nicht die Freiheit von Menschen verteidigt, wohl aber die Freiheit
deutscher und österreichischer Konzerne, weltweit zu exportieren oder vor Ort
selbst Rohstoffe und Menschen auszubeuten. Dass das nicht eine „überholte
Theorie” ist, hat jüngst Thomas L. Friedman verdeutlicht. Der Mann, ein Berater
der US-amerikanischen Außenministerin Madleine Albright, brachte diese
Verbindung zwischen zivilem Export und militärischer Untersetzung in
dankenswerter Klarheit wie folgt auf den Punkt: “Die unsichtbare Hand des Marktes funktioniert nicht ohne
die sichtbare Faust. McDonald kann nicht prosperieren ohne McDonald-Douglas,
den Hersteller der F-15-Kampfflugzeuge. Diese sichtbare Faust sichert auf der
ganzen Welt den Sieg der Technologie-Produkte des Silicon Valleys. Diese Faust
sind die Landstreitkräfte, die Marine, die Luftwaffe und das Marine-Chors der
USA.”(6) Die
wachsende Weltmarktkonkurrenz mündet logisch in die verschärfte Blockkonkurrenz
und in die Aufrüstung der EU. Das „informelle Treffen” der
US-Verteidigungsminister in Innsbruck soll sich, so die „Tiroler Tageszeitung“
vom 4. März, auf „den Beginn der Europäischen Sicherheits- und
Verteidigungspolitik (ESVP)” beziehen, die ihren Ursprung „im Europäischen Rat
in Köln im Juni 1999” hat.(7) Dieser Bezugspunkt ist äußerst wichtig. Der erwähnte
EU-Gipfel in Köln fand noch während des Nato-Kriegs gegen die Bundesrepublik
Jugoslawien statt. Dort wurde beschlossen, dass die EU als aufsteigende
Wirtschaftsmacht in Bälde ähnliche Kriege für eigene Interessen und mit einem
von der Nato unabhängigen Equipment führen können müsse. Dies wurde
konkretisiert mit den Projekten Aufbau eines militärisch-industriellen
Komplexes, mit einer unabhängigen EU-Interventionsarmee, mit einem eigenen
Militärtransporter und mit einem eigenen, militärisch-nutzbaren Satelliten-System.
In Innsbruck und (im Mai) in Brüssel wird diese Kölner Tagesordnung bilanziert:
Der militärisch-industrielle Komplex steht mit der EADS, die 60.000
Mann-Frau-EU-Armee ist im Aufbau begriffen, der Militärtransporter A400M soll
im Jahr 2008 und das Satelliten-System Galileo soll 2008/2009 einsatzbereit
sein. “Europa ist zu klein geworden für sich befehdende und
gegenseitig absperrende Souveränitäten. Es besteht das Ziel einer europäischen
Zollunion und eines freien europäischen Marktes, fester europäischer Währungsverhältnisse
mit dem späteren Ziel einer europäischen Währungsunion.” So stand es in
einer Denkschrift des deutschen Auswärtigen Amtes vom 9. September 1943.(8) Es
war also Ziel des NS-Kriegs, nach dem militärischen Sieg in Europa eine
Zollunion und schließlich eine einheitliche Währung einzuführen. Dieses Ziel
wurde, im wesentlichen auch im Interesse der gleichen deutschen Konzerne, die
die NS-Ziele diktierten, erreicht, wenn auch ein halbes Jahrhundert später und
auf anderen Wegen. Unsere Bilanz
zu diesem zweiten Aspekt
beim Zusammenhang Rüstung und Kapitalismus lautet: Die bestehende Welt mit
einem Weltgendarmen, der US-Armee, ist abzulehnen. Doch eine Welt, in der zwei
Gangsterbanden mit wechselseitiger Hoch- und Aufrüstung wetteifern, ist ein
ebenso unangenehmer Aufenthaltsort. Wir lehnen ebenso die US-Kriege ab, wie wir
die EU-Aufrüstung bekämpfen. Apokalyptischer
Reiter Nr.3: der ölbasierte Kapitalismus
Als dritter
apokalyptischer Reiter ist zu nennen: die stoffliche Verfassung des
Kapitalismus, das heißt, dessen extreme Abhängigkeit von Öl. Der Mann, den
der venezoleanische Präsident Hugo Chávez zutreffend „Mr. Danger” (G.W.Bush) nennt,
sagte im Februar in seiner Rede zur “Lage der Nation” das folgende: “Amerika ist süchtig nach Öl. Und dieses Öl wird vielfach
aus instabilen Teilen der Welt importiert.”(9) Der Kapitalismus
des Nordens war immer abhängig von den Ressourcen aus dem Süden. Doch die
heutige Situation ist einmalig. Noch nie in der Geschichte gesellschaftlicher
Produktion waren die Menschen derart abhängig von einem einzigen Rohstoff, dem
Erdöl, von einem derart zeitlich begrenzten Rohstoff und von einem Rohstoff,
der derart regional begrenzt und zunehmend konzentriert vorhanden ist. Die Abhängigkeit
von Rohöl und seinen Derivaten Benzin, Diesel, Kerosin und Raketentreibstoff
wurde seit dem Auftreten der ersten Ölkrise 1973 noch ausgebaut. Das in diesem
Sektor angelegte Kapital fordert seinen Tribut und entwickelt – entgegen
jeder rationalen Überlegung, die in Richtung Energiewende gehen müsste –
, ein immer größeres spezifisches Gewicht. Andere Sektoren und alternative
Modelle werden auf diese Weise vielmehr hinweggefegt oder in Nischen gedrängt.
Wie dies auch in den folgenden Zeilen beschrieben wird: Hier ist Öl! Öl ist hier! Das liegt hier Was die Motoren laufen macht, was die Schiffe
bewegt! Das kolbenschmierende Öl liegt hier im Boden! Das die Städte hell macht! Schnell! Verwandelt euch in Ölsucher, ihr Ziegenhirten!
Schnell! Schafft das Öl an die Oberfläche, tragt den
Felsen ab, bohrt Den Boden an, Bauern! Aber da sind Ziegenhirten, die auf dem Feld
grasen! Aber da stehen Wohnhäuser, die 100 Jahre alt
sind! Aber da sind Grundbücher und Besitztitel! Schnell! Schafft alles weg, was zwischen uns und
dem Öl steht! Weg mit den Ziegenhirten! Weg mit den Wohnhäusern! Und weg mit den Grundbüchern und den
Besitztiteln! Hier ist Öl! Öl ist hier! Das kolbenschmierende Öl
ist hier Und das die Städte hell macht! Bertolt Brecht
schrieb diese Zeilen in den zwanziger Jahren.(10) Seither hat sich die Abhängigkeit
von Öl wesentlich verschärft. Entsprechend wird immer aufs Neue verdeutlicht,
welche Gewalt hinter dieser Abhängigkeit steht. Wie es im Irak, in Nigeria oder
im Iran immer wieder heißt: “Schafft weg die Besitztitel! Schafft alles weg,
was zwischen uns, dem reichen Norden, und dem Öl steht”. Deutlich wird aber
auch, dass dieses „kolbenschmierende Öl” den Motor der Weltwirtschaft nährt
– und dass jede größere Erhöhung des Ölpreises und schließlich die
Endlichkeit dieser Ressource zu einem Kolbenfresser im Weltwirtschaftsmotor führen
muss. Eine kommende Weltwirtschaftskrise dürfte erstmals in der Geschichte des
Kapitalismus auch eine Krise sein, deren Ursprung teilweise stofflich bedingt
ist, nicht nur der Wertseite entspringt, sondern auch der Gebrauchswertseite der
Produktion. In puncto Öl
wird es auf den Treffen der EU-Verteidigungsminister Einheit geben – und
es gibt hier auch eine Einheit unter den transatlantischen „masters of war”.
Diese Einheit besteht in der Vorbereitung auf einen Krieg gegen den Iran. Dabei
geht es nicht primär um den Schutz Israels, es geht nicht in erster Linie um
das Atomprogramm des Iran und es geht nicht um die tatsächlich kriminelle
Holocaust-Leugnung des iranischen Ministerpräsidenten. Was das Atomprogramm
betrifft, so ist Deutschland mit dem Garchinger Forschungsreaktor München II
(FRM II), in dem atombombenfähiges Plutonium entsteht, näher an der –
illegalen – Atombombe als der Iran. Und es ist nur wenige Wochen her, da äußerte
der Beauftragte für Strategische Studien, Erich Reiter, einer der höchsten
Beamten im österreichischen Verteidigungsministerium, dass das Ziel der EU-Aufrüstung
sei es, die EU zur Atommacht zu wandeln.(11) In Wirklichkeit
geht es bei den Kriegsvorbereitungen gegen den Iran um einen Krieg gegen ein
Land, das über die drittgrößten Ölvorräte der Welt verfügt, und das sich
zugleich in Bälde im Besitz von Atomwaffen befinden könnte. Damit könnte sich
ein denkbarer Endkampf um die Ressource Öl für den ölsüchtigen Westen –
und für die Weltbevölkerung – weit dramatischer darstellen. Die
Kombination Ölmacht und Atommacht soll mit allen Mitteln, gegebenenfalls unter
Einsatz von Atomwaffen, verhindert werden. Die Bilanz des dritten Aspekts beim Zusammenhang
Kapitalismus und Krieg lautet: Unser Nein zum Krieg konkretisiert sich in einem
Nein zu den Kriegen um Öl und in einem Nein zur Erpressung des Iran durch die
US-Regierung und durch die EU-Regierungen. Dies wird ergänzt durch unsere
Kritik an der ölbasierten kapitalistischen Produktionsweise. *** Die
beschriebenen drei apokalyptischen Reiter Rüstungsindustrie, Exportorientierung
und die Abhängigkeit vom Öl sind Teil der inneren Dynamik des Kapitalismus.
Diese Dynamik hat sich nach den Wendejahren 1989/90 enorm verschärft. Mit ihr
wurden Dämme der Moral hinweggefegt, wurden Prinzipien des Völkerrechts mit Füßen
getreten und wurde vieles von dem, was mit den Begriffen „Zivilisation” und „Aufklärung“
umschrieben wird, in Frage gestellt. Es war noch vor einem Jahrzehnt undenkbar,
dass die führende Weltmacht geheime Gefängnisse unterhalten und dies öffentlich
rechtfertigen würde. Es war vor wenigen Jahren noch undenkbar, dass es in
westlichen Staaten zur Praxis der Folter und zur Rechtfertigung derselben
kommen könnte. Und es war noch vor wenigen Jahren undenkbar, dass die
Bundeswehr sich nicht nur in der Theorie, sondern in der Praxis, durch eine
neue spezifische Bewaffnung auf einen Einsatz im Inneren vorbereitet.(12) Es war vor allem
der Nato-Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien, der den Ausgangspunkt für
diese Tabubrüche bildete. Auch hier wiederholt sich Geschichte, wie das
folgende Zitat zeigt:
Das schrieb ein
Leo Trotzki im Jahr 1912 als Kriegsberichterstatter auf dem Balkan. Damals führten
die Balkan-Kriegen in die Gräuel des Ersten Weltkriegs. Der moralische
Protest gegen Kriege und die innere Einsicht in die innerkapitalistischen
Triebkräfte, die zu Kriegen führen, sind kein Gegensatz. Sie bilden eine
Einheit. Denn - eine Kapitalanlage in Rüstung und die
Warenproduktion der Tötungsindustrie sind zutiefst unmoralisch. - Ein Export von Waren und Kapital auf dem
Weltmarkt, der militärisch abgesichert und aufgezwungen wird, ist selbst
unmoralisch – und beinhaltet logisch die Zerstörung ganzer Ökonomien und
Kulturen. - Eine Weltwirtschaft, die immer mehr auf
die knappe Ressource Öl konzentriert, diese rücksichtslos ausbeutet und in
Kriege um Öl mündet, ist amoralisch. Sie verspielt die Zukunft der jungen
Menschen und die Zukunftsfähigkeit der Menschen. Insofern münden
die Proteste gegen Rüstung und Krieg in einer ähnlichen Stossrichtung, wie sie
von Globalisierungsgegnern formuliert wird: „Eine andere Welt ist möglich”. Die
Analyse der inneren Logik von Rüstung und Krieg mündet in die Ergänzung: „Eine
andere Ökonomie ist nötig”: Eine Ökonomie der Moral statt eines Terrors der Ökonomie
und einer Ökonomie des Terrors. Eine Ökonomie und Gesellschaft, in der nicht
die Profitmaximierung und die dieser innewohnende Kriegslogik, sondern der
Mensch und die Sehnsucht der Menschen nach Solidarität und Frieden im Zentrum
stehen. Den “masters of
war” sind die Verszeilen des ermordeten John Lennon entgegenzustellen: “Give
peace a chance!” und “Power to the people!” Anmerkungen: (1)
Harold
Pinter, „Den Spiegel zerschlagen“, Nobel-Vorlesung in Stockholm, wiedergegeben
in: junge Welt vom 10. Dezember 2005. (2)
Platter
nach: Tiroler Tageszeitung vom 4. März 2006. (3)
Der
Begriff “Neoliberalismus” ist, ähnlich wie derjenige der “Globalisierung”,
schillernd und unpräzise. Entscheidend ist, dass es sich immer um ein und
dasselbe – kapitalistische –Wirtschaftssystem handelt und dass es
der Stand der gesellschaftlichen
Kräfteverhältnisse, des Verhältnisses zwischen Lohnarbeit und Kapital, ist,
welcher in unterschiedliche Ausformungen des Kapitalismus mündet. Im
sogenannten “rheinischen Kapitalismus”, im Kapitalismus mit einem ausgeprägtem
Sozialstaat oder auch in den skandinavischen kapitalistischen Ländern,
existieren (oder existierten) eine relativ starke Arbeiterbewegung, starke
Gewerkschaften und darauf basierend oft unterschiedliche Modelle von
Mitbestimmung oder ein starker Einfluß von sozialdemokratisch geprägten
Regierungen und staatlichen Apparaten. Meist haben Sonderfaktoren zu diesen
spezifischen Modellen eines (teilweise und zeitweilig) „gezähmten Kapitalismus”
beigetragen: So die Weltwirtschaftskrise 1929-32, die in den USA zum Modell des
“new deal” führte, so die Niederlage des deutschen und italienischen
Faschismus, die zum “Wirtschaftswunder” und den jeweiligen Sozialstaatsmodellen
in Italien und Westdeutschland 1950 bis 1975 beitrug, so starke
antifaschistische Partisanenverbände und starke Kommunistische Parteien, die
nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich und erneut in Italien starke
staatliche Strukturen mit sozialstaatlichen Elementen begünstigten, so die
Spaltung Deutschlands, die die herrschenden Eliten in der BRD veranlasste, in
der Zeit 1949 bis 1989 die “deutsche soziale Marktwirtschaft” auch als
“Schaufenster nach Osten” zu verstehen. In Österreich wiederum gab es das
Sondermodell einer militärischen Niederlage gepaart mit langjähriger
sowjetischer Besatzung, was wiederum in den starken staatlichen
Wirtschaftssektor mündete. (4)
Rosa
Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals, Berlin 1913, Reprint 1969, S.442. (5)
Kurt
Tucholsky, Die Lösung, 1931, in: Kurt Tucholsky, Gedichte in einem Band,
herausgegeben von Ute Maack und Andrea Spingler, Frankfurt/M. und Leipzig 2006,
S. 943f. (6)
In: New York Time Magazine vom
28.3.1999. (7)
Tiroler
Zeitung vom 4. März 2006. (8)
Nach:
Reinhard Opitz, Europastrategien des deutschen Kapitals, 1900 bis 1945, Bonn
1965, S.965. (9)
Nach:
Financial Times Deutschland, 2.2.2006. (10)
Bertolt
Brecht, Gesammelte Werke Band 9, Frankfurt/M. 1967, S.530f. (11)
Vgl.
Guernica, herausgegeben von der Werkstatt für Frieden und Solidarität, Linz,
Januar 2006. (12)
Im
Januar 2004 wird Generalmajor Manfred Engelhardt von der 10.
Bundeswehr-Panzerdivision in der “Schwäbischen Zeitung” (15.1.2004) wie folgt
wiedergegeben: “Inzwischen hat es zusätzliche Ausrüstung und Einsatzmittel
gegeben, ruf der Generalmajor in Erinnerung. Dazu gehört etwa Reiz- und Tränengas,
dessen Einsatz der Bundeswehr im vergangenen Frühjahr noch verboten war.” (13)
Leo
Trotzki, “Der Krieg ist erklärt”, verfasst für Kiewskaja Mysl, vom 14. Oktober
1912, hier nach: Lew D. Trotzki, Die Balkankriege 1912/13, Essen 1996, S.174f.
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